In den Herbstferien 2018 durfte ich eine Gruppe von Lehrlingen an einen Sprachaufenthalt nach Dublin begleiten. Ein Tagesausflug nach Nordirland beeindruckt mich bis heute. Im Zuge der Brexit-Diskussion ist immer wieder zu hören, dass vor allem der Umgang mit Nordirland das grösste Hindernis für einen geordneten Ausstieg Grossbritanniens aus der EU darstelle. Inzwischen kann ich dieses Argument verstehen und nachvollziehen, dass eine Lösung mit neuen Grenzen kaum möglich erscheint. Die Nordiren haben sich mit knapp 56 Prozent gegen den Brexit ausgesprochen.

Die Reise führte uns zunächst durch den ländlichen Teil der grünen Insel an die nordirische Küste zum Giant’s Causeway, welcher aus 40'000 Basaltsäulen besteht und seit 1986 zum UNESCO Weltkulturerbe gehört. Anschliessend ging es weiter nach Belfast, der Hauptstadt Nordirlands. Das Land zählt 1.8 Millionen Einwohner und hat eine Fläche von etwa einem Drittel der Schweiz. Seit der Unabhängigkeit von Irland 1921 ist es Teil von Grossbritannien. In Nordirland leben zwei gleich grosse Bevölkerungsgruppen mit unterschiedlichen kulturellen Hintergründen. Einerseits die alteingesessenen Iren, bäuerlich, arm und katholisch, welche sich für eine Wiedervereinigung mit Irland starkmachen (Republikaner). Andererseits wohlhabende, industrielle Siedler protestantischen Glaubens, die sich für eine enge Bindung an Grossbritannien einsetzen (Unionisten). Sie kamen ab 1600 ins Land und enteigneten Teile der irischen Bevölkerung. Das Land ist bis heute zweigeteilt, in den protestantischen und industrialisierten Nordosten und den ländlichen und katholischen Westen. Auch die grösseren Städte wie Belfast sind nach Quartieren getrennt.

Mit dem Erstarken des Nationalismus in Europa im 19. Jahrhundert entstand auch in Irland eine Unabhängigkeitsbewegung. An Ostern 1916 wurde ein gewaltsamer Versuch unternommen, das Anliegen durchzusetzen. In den Folgejahren herrschten bürgerkriegsähnliche Zustände. 1921 wurde das katholische Irland unabhängig – mit Ausnahme der mehrheitlich protestantischen Provinz Nordirland. Im Zuge der Bürgerrechtsbewegung in den USA Ende der 1960er Jahre forderte die katholische Minderheit in Nordirland ein Ende der Benachteiligung durch die Protestanten. Von 1969 bis 1998 verloren 3500 Menschen ihr Leben. Um die Gewalt zu brechen, wurden Mauern und Stacheldrähte errichtet, Friedenslinien (peace lines) genannt, welche katholische Quartiere wie Falls Road von protestantischen wie The Shankhill in Belfast bis heute voneinander trennen. Die Fahrt entlang der 10 bis 15 Meter hohen Wände und durch die Eisentore, welche jeden Abend um 10 Uhr geschlossen werden, um die Verfeindeten voneinander fernzuhalten, haben mich berührt und mir vor Augen geführt, dass ein Funke genügt, um das Pulverfass erneut zur Explosion zu bringen.

Das Beispiel Nordirland zeigt mir aber auch, wie wichtig es ist, mit Minderheiten umzugehen. Die Schweiz hat es dank wirtschaftlicher Prosperität und staatspolitischer Räson verstanden, die unterschiedlichsten Interessen im Dialog miteinander zu verknüpfen. Tragen wir Sorge dazu!

24. Apr 2019